Wofür man einen Preis bekommen kann!

In dieser Woche landete eine preisgekrönte „Reportage“ auf meinem Schreibtisch in meiner Wohnung in Gaarden. Die Reportage: Sozialer Brennpunkt Kiel-Gaarden wurde mit dem mir völlig unbekannten „jj-Reportagepreis 2012“ von Süddeutsche.de, dem Netzwerk Jungejournalisten.de und der Böll-Stiftung ausgezeichnet. (Nur für Süddeutsche.de: Es ist die Heinrich-Böll-Stiftung, nicht die Böll-Stiftung!)

Besonders gelobt wurde der Autor Tiemo Rink für die sprachliche Qualität der „Reportage“, denn Tiemo Rink sei es gelungen die Atmosphäre im Kieler Arbeiterstadtteil Gaarden so zu beschreiben, dass der Leser sich mitgenommen fühle. Offenbar waren die Jury-Mitglieder niemals in Kiel und bei dem Autoren Tiemo Rink habe ich auch so meine Zweifel.

Der Autor impliziert im ersten Teil des Artikels, er sei mit einem 14-jährigen Jungen unterwegs, welcher ihn durch ein Moloch der menschlichen Existenz führt.

Vor einigen Jahren hat die Stadt Kiel die Junkies vom Hauptbahnhof vertrieben. Geflohen sind sie in sein [Julian, 14] Viertel, auf die andere Seite der Kieler Förde, nach Gaarden rund um den Vienetaplatz, wo sich vor einem Supermarkt inzwischen auch Alkoholiker, Dealer und Obdachlose treffen. An manchen Tagen kommen gut hundert. Julian meidet weite Teile seines Viertels.

Räumen wir diesen Absatz mal von hinten auf. Das Viertel Gaarden – Gaarden-Ost und Gaarden-Süd ohne Kronsburg – sind ca. 14,78 Quadratkilometer groß, Gaarden-Ost alleine umfasst 2,60 Quadratkilometer und ich will mal zugunsten des Autors hoffen, dass es um diesen Teil des Stadtteils geht. Der Vinetaplatz hat insgesamt und wohlwollend geschätzt ca. 0,0225 Quadratkilometer oder 22.500 Quadratmeter. Der beschriebene Supermarkt befindet sich nicht am Vinetaplatz, sondern am Karlstal.

Der Vinetaplatz wird nur noch vereinzelt von Suchtkranken aufgesucht, dafür befindet sich im Sommer an vielen Tagen eine Spielfläche für Kinder auf dem Platz. Wahrscheinlich war Herr Rink im Winter hier. Es handelt sich bei der Platzgruppe auch um eine ganz andere als die Gruppe am Supermarkt, welcher mittlerweile von einem Sicherheitsdienst geschützt wird. Das ist allerdings nebensächlich, denn die Klientel ist die selbe. Kein Wort darüber in dem Artikel.

Aber laut des Absatzes scheint es noch einen anderen Hauptbahnhof in Kiel zu geben, denn an der Nordseite des Hauptbahnhofes, den ich kenne, gibt es immer noch jede Droge, welche die Menschheit jemals konsumiert hat. Manchmal ist es gut auch um ein Gebäude herumzulaufen, denn am ZOB vor dem Bahnhof gibt es noch ganz andere Sachen zu kaufen. (Frauen, Waffen, Haustiere etc.) Es ging ja nicht ums Westufer.

Dann wird der Artikel richtig skurril:

Eine Regel hat ihm seine Mutter eingeschärft: „Tote Tiere, benutzte Spritzen und blutige Tücher darf man nicht berühren. Auch nicht mit dem Fuß.“

Es kann ja sein, dass ich etwas umfassender erzogen wurde, aber ich für meinen Teil würde nirgends auf der Welt tote Tiere, benutzte Spritzen oder blutige Tücher berühren, auch nicht mit dem Fuß. Das ist so ein Fall von Generalwissen. Es ist doch gut, dass selbst in Gaarden Kindern mitgeteilt wird, dass tote Tiere, benutzte Spritzen und blutige Tücher kein Spielzeug sind. Ich würde sogar sagen Spritzen sind generell kein Spielzeug. Kein Wort, keine Fußnote, gar nichts darüber in dem Artikel. Es geht aber noch weiter:

An einem umgebauten Zigarettenautomaten steht eine Frau und füttert das Gerät mit Münzen. „Der Automat verkauft Spritzen.

Dabei handelt es sich um einen von zwei Zigarettenautomaten alter Bauart mit Spritzen, Löffeln, Nadeln in Kiel-Gaarden, einer von dreien in Schleswig-Holstein. Der Gedanke dahinter ist nicht nur, dass Süchtige an ihr Handwerkszeug kommen. Es soll auf ein Problem im öffentlichen Raum aufmerksam gemacht werden, zudem gibt es an den Automaten eine Entsorgungsmöglichkeit für benutztes Spritzbesteck. Ich persönlich verstehe das Problem nicht so ganz. Ich wette, ich bin in der Lage in jeder Stadt der Bundesrepublik das „Drogenviertel“, benutzte Spritzen, tote Tiere und blutige Tücher zu finden. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Erscheinung und nicht gaardenspezifisch, aber bitte.

Der Junge kennt sein Viertel.

Na, da bin ich aber platt! Dann wird in der „Reportage“ erklärt wo Gaarden überhaupt ist, wie es hier aussieht und wie man in eine andere Dimension der Existenz kommt. Jedenfalls glaube ich das, denn:

Wie ein Riegel liegt das Arbeitsamt am Eingang des Viertels, es folgen Bahngleise, das Werksgelände der Busgesellschaft, große Brachflächen, eine sechsspurige Schnellstraße.

Ja, das Arbeitsamt liegt an einem Eingang Gaardens. Es wäre auch möglich über die Hörnbrücke Richtung Germaniahafen nach Gaarden zu kommen oder über Kiel-Südfriedhof, Hassee, Meimersdorf, Kronsburg, Wellsee, Elmschenhagen oder Ellerbek. Da ist dann allerdings keine Agentur für Arbeit wie in der Adolf-Westphal-Straße, in der sich auch das Landesministerium für Arbeit, Soziales und Gesundheit befindet. Die Agentur für Arbeit befindet sich übrigens nur dort, weil vor einigen Jahrzehnten der Schlachthof dort wegging und das Grundstück sehr günstig gewesen sein muss. Dazu nur noch eins: Die Agentur für Arbeit in der Adolf-Westphal-Straße betreut Menschen die Arbeitslosengeld I bekommen. ALG-II- und Sozialgeld-Empfänger holen dort nur unter bestimmten Umständen mal Geld ab, weil dort der Kassenautomat der Landeshauptstadt steht. Kann man von Außen natürlich nicht sehen.

Die Absurdität des Absatzes kommt aber danach. Bahngleise, stimmt! Das Werksgelände der Busgesellschaft, stimmt. Große Brachflächen und eine sechsspurige Schnellstraße, hä? Ich kann nur ahnen, welchen Weg genau der Autor genommen hat, aber Brachflächen sind da keine, nirgends. Ich kann nur vermuten, dass es der Weg Richtung Gaarden-Brücke ist. Auf der sechsspurigen Schnellstraße darf man fünfzig Kilometer pro Stunde fahren und sie ist weitestgehend vierspurrig. Die Brachflächen sind das Gelände der Deutschen Post AG, der Fuhrpark von DHL, A.T.U, Auto Azizi, Sixt, Buchbinder und ein Lidl-Markt. Mit Sicherheit sogar noch mehr, aber Brachflächen sind da keine.

Es kann auch sein, dass Herr Rink über den Gaardener Ring gegangen ist, dann macht der Satz, zu dem ich gleich komme auch mehr Sinn. Allerdings ist am Gaardener Ring neben dem Arbeitsamt für Jugendliche auch Fenster Hübner, die Halle 400, Sixt, die Deutsche Telekom, die Techniker Krankenkasse, ein Call-Center, acht bis zehn Kleinstgeschäfte, Freenet  mobilcom/debitel der Fußweg zum Norwegenkai und aus der sechsspurigen Schnellstraße wird eine zweispurige mit Parkflächenanbindung, auf der man nicht einmal fünfzig fahren darf. Die Ghettofizierung ist gerade auf der Ecke offenbar ganz schlimm.

Dort kann der Autor aber auch nicht lang gegangen sein, denn:

Darüber eine Fußgängerbrücke, die scheinbar im Nichts endet – an einer provisorischen Holztreppe und einem Lift. Dessen zerschlagene Glastür ist mit Sperrholzplatten abgedichtet. In der Mitte des Fahrstuhls liegt ein Haufen Erbrochenes, es stinkt nach Urin. Eine junge Mutter kommt, öffnet die Tür und verzieht das Gesicht. „Man fragt sich auf den letzten Metern immer, ob der Fahrstuhl heute kaputt oder vollgepinkelt ist. Kotze ist mal was anderes“, sagt sie und trägt den Kinderwagen die Holztreppe herunter.

Aha, Herr Rink ist also auch auf der Gaarden-Brücke gewesen und gleichzeitig darunter und zwar in diesem Universum. Ich will mal glauben, dass er die kleine Betontreppe hinter Buchbinder gefunden hat, dabei dann aber Kirche(n), Jugendherberge, Kindergarten und Schwimmhalle übersehen haben muss. Kann passieren. Der Fahrstuhl ist tatsächlich ein echtes Ärgernis. Mir ist nach sieben Jahren in Gaarden noch nicht klar geworden, dass die Treppe dort ein Provisorium ist und warum da überhaupt ein Fahrstuhl hin musste? Die Brücke führt selbst nicht ins Nichts, sondern über Straße und Bahngleise zum Gaardener-Ring. Es ist schon blöd, wenn man aus dem Nichts eine „Reportage“ zaubern muss.

Der Artikel geht leider noch weiter:

Gaardens wirtschaftliches Zentrum sind der Vinetaplatz und die ihn kreuzende Elisabethstraße. Für 6,50 Euro werden hier Haare geschnitten, Handyläden weisen auf die Kameraüberwachung hin, die Stadt hat ein Verbot neuer Spielhallen verhängt, es gibt genug.

Es freut mich, dass wir das wirtschaftliche Zentrum Gaardens sind. Das ist mir bis hierher noch nicht klar gewesen und es stimmt meiner Meinung nach auch nicht. Die Sache mit den Spielhallen gilt für ganz Kiel und ist eingeführt worden, weil in Kiel-Mettenhof geplant gewesen sein soll, dass Spieltheken in Wohnhäuser integriert werden. Daraus wurde dann nichts.

Ich bin erschüttert darüber, dass es hier in Gaarden in Geschäften Kameraüberwachung gibt, das muss etwas völlig neues sein. Vielleicht gibt es bald auch in Einkaufzentren, Bahnhöfen oder auf einzelnen öffentlichen Plätzen bei Großveranstaltungen Kameraüberwachung. Das wäre doch einmal was!

Jetzt finde ich in dem Artikel etwas über Blumenkübel unseres Ortsbeirates, meinetwegen. Ich habe die Dinger noch nie gesehen oder besser, sie sind mir nicht aufgefallen und offenbar eher ein Spleen. Etwas über Kleinstkredite, die unter bestimmten Voraussetzungen, zu steilen Zinsen mit haarsträubenden Bürgschaften, vergeben werden können. Da jetzt zu sehr ins Detail gehen zu wollen, würde diesen Beitrag sprengen. Kann man machen, ich würde es lassen, außer ich verleihe das Geld zu 8,9 Prozent.

Die „Reportage“ geht noch kurz auf Immobilien-Investoren ein, bei denen es sich nach meiner Erfahrung um private Kleinstinvestoren handelt. Richtig ist allerdings, dass deswegen an den Häusern kaum etwas gemacht wird, aber das ist dann eben so. Niedrige Mieten sind ein Segen. Dann kommen wir zurück zu Julian:

Wer kann, geht schnell wieder weg, und die anderen müssen auf offizielle Weisung oft die Wohnung wechseln, falls sich die Familienverhältnisse ändern. Julians Eltern leben getrennt, er hat zwei Brüder und zwei Stiefbrüder, und er ist Onkel, seit seine 18-jährige Schwester vor einem halben Jahr ihr erstes Kind bekommen hat und zu Hause ausgezogen ist.

Die Wohnung ist nun zu groß für die Familie, hat das Jobcenter beschlossen. Also zieht Julian demnächst wieder um, zum sechsten Mal in seinem Leben.

Bei diesen beiden Absätzen weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll mit dem Kopfschütteln? Es mangelt Herrn Rink offenbar an Feingefühl und Recherchewilligkeit. Zu unterstellen, dass die Schwester nach ihrem ersten Kind offenbar auf jeden Fall noch ein zweites kriegt, ist schon frech, weil es nach dem Motto läuft: „Assis kriegen immer zehn Kinder.“ Das ist die Aussage des ersten Absatzes. Was den Umzug betrifft. Ich kenne die Wohnverhältnisse der Familie nicht, habe aber sechs Personen gezählt, die dort jetzt noch wohnen, vorher acht. Muss eine große Wohnung sein.

Alles klar, aber auch Julians Mutter hat natürlich die Möglichkeit dort wohnen zu bleiben. Das Jobcenter nimmt in der Regel Rücksicht, wenn man es darauf aufmerksam macht und ggf. mit der Integrationsfachkraft spricht oder eben den Klageweg bestreitet. Die Kostenübernahme für den Prozess kostet zehn Euro. Aber wie gesagt, eigentlich sieht das Jobcenter davon ab Bürger aus dem Heim zu jagen. Es ist einfach zu teuer.

Dass der Artikel „Sozialer Brennpunkt Kiel-Gaarden einen Preis gewonnen hat muss an mangelnder Konkurrenz gelegen haben, ich bin noch nicht dazu gekommen die weiteren platzierten Artikel zu lesen. Ich hoffe, sie sind nicht so ungenau, wie dieser hier. Ich befürchte aber, sie sind es.

Flo