Kritische Auseinandersetzung!

Ich möchte mich nach langer Zeit mal wieder kritisch mit einem Artikel auseinandersetzen, der mir im Netz über den Weg gelaufen ist. Ursprünglich erschienen ist er in „Neurodate Aktuell Nr. 4 (2004), S. 26-31. Gefunden habe ich ihn hier, der Verantwortliche für den Inhalt dieser Seite ist Dr. med. Holger Bertrand Flöttman. Der Titel lautet: „Homosexualität und Ehe

 

Ich werde mich bemühen nicht persönlich zu werden und bewege mich – wie immer – innerhalb des deutschen Urheberrechts, auf das auch ich größten Wert lege.

Mal ein Tipp zu Beginn meines Artikels: Mal ein zulässiges Impressum auf die Seite tun, wirkt einfach besser, besonders wenn man tatsächlich etwas verkaufen möchte. Ist nur ein Tipp. Davon aber mal abgesehen habe ich eine völlig andere Meinung und glaube belegen zu können, warum der Artikel zwar schön polemisch ist, aber leider wenig mit dieser unserer Welt und Gesellschaft zu tun hat.

 

Ich möchte mit dem Anfang des Artikels beginnen, denn es geht schon gut los:

 

Wer das Karussell der Verliebtheiten Homosexueller, ihre Kränkbarkeit kennt, das Chaos ihrer Beziehungen, wer zudem die Hintergründe und Auswirkungen ihres überzogenen Narzißmus behandelt, der schätzt den Wert einer in sich ruhenden Familie hoch.

 

Geht schon gut los. Dem aufmerksamen Leser fällt sicherlich auf, dass es sich zwar um lateinische Schriftzeichen und deutsche Lautbildungen handelt, es aber die alte deutsche Rechtschreibung ist. Ich persönlich habe nach zwanzig Jahren mit der neuen deutschen Rechtschreibung so meine Probleme, wenn die alte Art in einem neun Jahre alten Artikel steht. Das zeigt schon einmal, wie weit der Autor in der Entwicklung seines Geistes, in seiner Flexibilität und Offenheit ist. Es begeistert mich immer wieder. Übrigens, dieses Karussell hat mit einer Familie bis zu diesem Zeitpunkt schon einmal nichts zu tun.

Deswegen lassen sich diese Dinge auch nicht miteinander vergleichen. Wenn ich eine Anschuldigung erhebe, kann ich doch nicht das meiner Meinung nach beste Resultat als einzige Alternative nennen. Das ist so ähnlich wie dieser Satz: Wer ein Fleischer ist, fragt das Tier nicht, was es will, besonders wenn er in einem vegetarischen Deli arbeitet.

 

Dieses Wissen ist eine Unterstellung, welche die Furcht des Lesers ansprechen soll: „Oh, hoffentlich bleibt meine Familie davon verschont.“ So geht es nicht. Aber der Absatz geht noch weiter.

 

Die erfolgreiche Psychotherapie einer lesbischen Frau, die an einer Depression erkrankt ist, befreit sie von ihrer Homosexualität und von der Qual ihrer Partnerschaftsprobleme. […] Auch acht Jahre nach ihrer Behandlung strahlt sie vor Glück. […] Nicht jedem ist dieser Weg der Einsicht und Wandlung vergönnt.

 

Ich habe die Sache mit dem Mann und den zwei Kindern, sowie dem Zwei-Arbeitstage-Pro-Woche-Quatsch wegen Träumen, die ihr den Weg zeigen, mal aus, denn darum geht es nicht. Ich wage zu bezweifeln, dass es diese Frau gibt und wenn, ist es nur eine Frau, die offenbar noch tiefere Probleme hatte, als eine einfach Depression, die sie in die Lesben-Falle getrieben hat. Das nicht jedem dieser Weg vergönnt ist, liegt doch wohl auf der Hand und nach acht Jahren wäre ich noch vorsichtig, denn ein abschließendes Urteil kann ich mir nur erlauben, wenn ich alle Fakten kenne. Die stehen aber leider nicht in dem Artikel und werden wohl auch nicht veröffentlicht werden.

 

Dann geht es in dem Artikel darum, dass es sich nach der Meinung des Autors bei der Homosexualität um eine vorwiegend neurologische Störung, wobei die Psychodynamik von Homosexuellen strikt abgelehnt wird. Das ist ja verwunderlich. Das Ziel der Verunglimpfung durch eine persönliche Meinung ist nicht bereit zu akzeptieren, dass es verunglimpft wird, wie ungewöhnlich. Weiter heißt es:

 

Homosexuelle sind schwer in der Lage, treu zu sein. Verletzungen des Partners ereignen sich häufig. Nach Jahren einer konfliktreichen Freundschaft wird das Verhältnis unter Schmerzen zerstört. Viele Homosexuelle sind zur Wanderschaft bestimmt.

 

Ich bin wirklich ein untypischer Schwuler, denn schließlich befinde ich mich im achten Beziehungsjahr. Aber dieser Absatz beruhigt mich, denn offenbar gibt es keine – und zwar überhaupt keine – heterosexuellen Menschen, die den richtigen Partner noch nicht gefunden haben oder in einer unglücklichen Beziehung festsitzen. Ein Glück!

 

Außerdem finde ich es richtig klasse, dass der Autor das Wort Liebe in dem Zusammenhang meidet, wie der Teufel das Weihwasser, der Moslem das Schweinefleisch oder Katholiken kleine Kinder. Stopp, ich wollte nicht polemisieren.

Nächster Absatz:

 

Die Homosexuellen haben mit dem ehelichen Gleichstellungsgesetz, mit dem Wunsch nach Kindern eine ethische Grenze überschritten. Es zeugt von fehlender innerer Ordnung eines Parlamentes, eine neurotische Lebenshaltung in Gesetzesform zu gießen. Die Homosexuellen sprechen sich per Gesetz frei von jeglichem Zweifel an ihrer Fehlhaltung. Toleranz gegenüber Homosexuellen ist genau so erforderlich wie gegenüber anderen Störungen auch. Eine homosexuelle Beziehung ist aber nicht der Ehe gleichzusetzen.

 

Dem letzten Satz kann man sich eventuell noch anschließen, das hängt davon ab, wer ihn äußert. Ich glaube aber, dass die Gesellschaft soweit ist, es auszuhalten, dass jeder Mensch so leben kann und darf, wie er möchte. Wir sind ja so weit, dass erkannt wird, dass es laut Gesetz nicht sein kann, dass einem alle Pflichten aufgebürdet werden, aber die Rechte nur den Anderen zugänglich sind. Das ist Jura erstes Semester, erste Vorlesung und wahrscheinlich sogar der erste Satz im Verfassungsrecht.

 

Das mit der armen erkrankten Minderheit lasse ich mal so stehen, ich fühle mich sehr gesund.

 

Interessant ist aber die Geschichte mit der überschrittenen ethischen Grenze. Es kann sein, dass mein Verständnis von Ethik ein anderes ist, als das des Autors. Ich folge Kant. Dessen Überlegungen zur Ethik besteht aus drei Elementen: dem sittlich Gutem, der Annahme der Freiheit des Willens und dem kategorischem Imperativ.

 

Ich denke Freiheit des Willens ist klar. Das ist nun einmal der Mensch. Egal ob man theologisch, philosophisch oder neurologisch argumentiert. Jeder, der kein Defätist ist.

 

Das sittlich Gute ist laut Kant das Moment der Vernunft, welches auf das praktische Handeln gerichtet ist. Kurz gesagt, der Mensch ist autonom und tut in der Mehrheit seiner Entscheidungen das Richtige.

 

Bleibt der kategorische Imperativ. Das ist die Fähigkeit des Menschen seine Handlungen selbst zu beurteilen.

 

Kant und ich richten uns wohl nicht nach der Ethik des Autors.

 

Danach geht es um Gründe für Homosexualität. Im Wesentlichen wird die Homosexualität mit einer Angstneurose gleichgesetzt. Kann ich nicht beurteilen, ich habe keine echten Ängste. Schuld sind aber in jedem Fall die Eltern. Ja, ihr normal-lebenden, ihr erschafft uns, weil ihr mit eurem Zwei-Arbeitstage-Pro-Woche-Quatsch nicht in der Lage gesunde Erwachsene Menschen aus uns zu machen. Tahtah!

 

Dann kommt aber mein Lieblingsabschnitt:

 

Bei den mir bekannten Homosexuellen oder Bisexuellen haben die Eltern wie bei vielen anderen neurotischen Menschen einen intimitätsheischenden, emotionalen Mißbrauch betrieben. Das Treueband zu Vater und Mutter zu lösen, ist für viele eine Lebensaufgabe, an der Homosexuelle scheitern.

 

Die Angst vor einer verschlingenden Mutter oder einem identitätszerstörenden Vater verschiebt sich auf den gegengeschlechtlichen Partner. Der Homosexuelle hat Angst und Schuldgefühle, sich dauerhaft dem Anderen hinzugeben. Hinter der Homosexualität steht der Zauberspruch der Eltern: „Meine Tochter, mein Sohn, bleib unser! Finde nicht zu Dir. Gründe keine Familie.“

 

Ähm, ja. Das Verhältnis zwischen mir und meinem Vater war gelinde gesagt etwas kompliziert, was an uns beiden lag. Wir kamen und ich komme noch gut damit zurecht. Mein Vater muss es nicht mehr, er ist tot.

Ich wohne seitdem ich achtzehn gewesen bin allein und bin für mich selbst verantwortlich. Dass ich mich auf meine Mutter verlassen kann, ist wohl das normalste von der Welt und sie akzeptiert jede meiner Entscheidungen. Sie muss es, denn es sind meine Entscheidungen. Sie tut es auch. Meinem Lebensgefährten geht es da ähnlich. Das ist doch das Tolle am Individuum, wenn das eine neurologische Störung ist, sage ich voller Stolz: Ja, ich bin bekloppt!

 

Danach geht es noch zwei Seiten darum, dass Schwule nach der Ehe greifen, die Politik infiltrieren und den normalen einlügen wollen, dass Schwule auch normal sind und wenn nicht, dann ist es egal. Ich bin wie gesagt eher a-typisch. Ich habe keine schwulen Freunde, ich lehne es ab der Quotenschwule zu sein, ich schaue gerne Sport – und zwar jede Sportart – mag keine halb-gefrorenen Getränke, tanze nicht, obwohl ich es kann, bin kein Frisör, ich halte grundsätzlich nicht Händchen, weil ich das ekelhaft und unbequem finde, ich benutze keine Kosmetika. Aber ich bin der Meinung, dass jeder machen kann, was er will ohne dass die Welt untergehen wird.

 

Ich empfehle einfach mal den ganzen Originalartikel zu lesen und dem Verfasser vielleicht eine nette Mail zu schreiben. Ich persönlich finde es nicht schlimm, dass der Mann so etwas geschrieben hat – auch wenn ich anderer Meinung bin – viel schlimmer finde ich, dass andere Menschen den Bockmist das glauben und sich hier dann nichts ändern wird. Wir sind auf einem guten Weg und ich persönlich möchte nur noch Blut spenden dürfen. Nochmal tahtah!

Flo